Verhaltensmedizin

Wir übernehmen für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der medizinischen Informationen in dem nachfolgenden Beitrag oder deren Geeignetheit für bestimmte Verwendungszwecke keinerlei Gewähr. Die medizinischen Informationen in dem Beitrag stellen lediglich allgemeine Ausführungen dar, jedoch keine patientenbezogene Beratung. Sie sind daher kein Ersatz für die Beratung durch einen Arzt und können auch nicht dazu dienen, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. nicht zu beginnen. Sie stellen auch keine Aufforderung oder Empfehlung zur Selbstbehandlung oder Selbsterkennung einer Krankheit oder eines anderen Leidens oder zur Nutzung oder Nichtnutzung bestimmter Arzneimittel oder Arzneimittelwirkstoffe dar.

Verhaltensmedizin am Beispiel chronischer Schmerzen

Die Verhaltensmedizin ist ein noch recht junger Zweig der Medizin, der biomedizinische mit psychosozialen Erkenntnissen verknüpft. Anders ausgedrückt: In der Verhaltensmedizin geht man davon aus, dass unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten Auswirkungen auf unseren Gesundheitszustand haben. Umgekehrt beeinflusst natürlich auch unsere gesundheitliche Verfassung unser Fühlen, Erleben und Handeln.

Die Geschichte von Frau D.

Frau D., eine 35jährige Patientin, die beruflich stark unter Druck steht und ihre beiden Kinder alleine erzieht, entwickelt zunehmende Schmerzen im Bereich der Gelenke und Muskulatur. Nach zahlreichen Arztbesuchen wird endlich die Diagnose „Fibromyalgie" gestellt. Der Arzt teilt ihr in einem knappen Gespräch mit, dass diese Erkrankung chronisch und nicht heilbar sei und es kaum sinnvolle Behandlungsmethoden gäbe. Frau D. ist verzweifelt: Sie entwickelt starke Zukunftsängste, befürchtet ihre Kinder nicht mehr versorgen zu können und ihren Beruf aufgeben zu müssen, vielleicht eines Tages im Rollstuhl zu landen. Da die Schmerzen unter körperlicher Belastung zunehmen, vermeidet sie bald fast jegliche körperliche Betätigung. Dennoch werden die Schmerzen eher schlimmer als besser, und Frau D. wird von Tag zu Tag niedergeschlagener. Nachts kann sie kaum noch schlafen und fühlt sich jeden Morgen wie gerädert. Doch sie hat Glück: Eine Bekannte, die an ähnlichen Beschwerden leidet, empfiehlt ihr einen Arzt und Psychotherapeuten, der gemeinsam mit Frau D. ein multimodales Therapieprogramm erstellt. Ganz zu Anfang nimmt sie an einer Patientenschulung teil und erfährt, dass Fibromyalgie zwar nicht heilbar, aber durchaus effektiv behandelbar ist und nicht zur Invalidität führt. Das nimmt ihr schon einen Großteil ihrer Angst. Sie lernt außerdem, dass sie selbst viel tun kann, um ihre körperlichen und seelischen Beschwerden zu lindern.  Mit Unterstützung aus ihrem Freundeskreis gelingt es ihr, sich zeitliche Freiräume zu schaffen, um regelmäßig ein physiotherapeutisch begleitetes Gerätetraining zu absolvieren. Mit ihrer Schwester geht sie 2x wöchentlich walken.  Im Rahmen der psychologischen Betreuung erkennt Frau D., welche Faktoren  in ihrem Privat- und Berufsleben „Stress" hervorrufen und wie sie ihren Alltag trotz vieler Herausforderungen leichter meistern kann. Hierbei hilft ihr auch die Progressive Muskelrelaxation, ein Entspannungsverfahren, das Frau D. nun jeden Abend selbst anwendet – wenn die Kinder im Bett sind. Leicht fällt ihr dies alles zu Anfang nicht: Schließlich hat sie schon mehr als genug um die Ohren und fühlt sich oft müde und antriebslos. Doch sie bemerkt bald, dass die körperliche Aktivität und die Veränderungen im Alltag ihr gut tun. Sie schläft besser und wacht morgens erholter auf. Langsam werden auch die Schmerzen weniger. Mittlerweile sind seit der Diagnosestellung 6 Monate vergangen. Die Beschwerden sind nicht verschwunden, doch Frau D. kann nun besser mit ihren Schmerzen umgehen und sieht wieder positiver in die Zukunft. Sie ist körperlich deutlich aktiver geworden und stolz auf das, was sie in den letzten Monaten gelernt und erreicht hat.  Sie weiß auch: Wenn es mal wieder schlimmer werden sollte, gibt es kompetente Ansprechpartner und gute Therapiemöglichkeiten.

 

Was Frau D. erlebt hat, ist kein Einzelfall. Gerade in schwierigen Lebenssituationen kommt es häufig – basierend auf körperlichen und psychischen Faktoren – zum Auftreten oder einer deutlichen Verschlimmerung von chronischen Schmerzsymptomen. Da die Schmerzen oft unter Belastung zunächst schlimmer werden, reagieren wir instinktiv mit einem Schonverhalten: Körperliche Anstrengungen werden aus Angst vor Verschlimmerung zunehmend gemieden. Was nach einer akuten Verletzung sinnvoll ist, führt bei chronischen Schmerzen jedoch zum gegenteiligen Effekt. Die Muskulatur wird schwächer und neigt noch mehr zu Verspannungen, Beweglichkeit und Ausdauer nehmen ab. Der nächste Versuch, aktiv zu werden, wird noch schlechter gelingen – wir stecken bereits in einem Teufelskreis. Nach und nach vermeiden wir immer mehr Aktivitäten, die Schmerzen verursachen könnten: Die Wanderung mit Freunden, den Restaurantbesuch mit der Familie, den Tanzkurs. Psychologen und Ärzte sprechen vom „Vermeidungsverhalten".  Hierunter leiden unsere sozialen Kontakte und unser Selbstwertgefühl. Chronische Schmerzen gehören auch zu den Hauptursachen für längerfristige Arbeitsunfähigkeit. Was zunächst entlastend erscheint, kann sich ins Gegenteil verkehren: Je mehr Zeit wir allein zu Hause verbringen, desto mehr beherrschen die Schmerzen unsere Gedanken- und Gefühlswelt.

 

Wie kann die Verhaltensmedizin helfen?

Wichtigste Voraussetzung für eine langfristige Besserung ist eine umfassende Information des chronischen Schmerzpatienten. Wer weiß, wie Schmerzen entstehen und wie sie aufrechterhalten werden, kann viel leichter nachvollziehen, was er selbst dagegen tun kann. Eine wichtige Säule der Behandlung ist der (Wieder)aufbau von körperlicher Aktivität: Ausdauersport in Kombination mit leichtem Gerätetraining hilft, die Fitness zu verbessern, die Beweglichkeit zu steigern, die Muskulatur zu kräftigen und Verspannungen vorzubeugen. Doch wie kann die Umsetzung im Alltag gelingen? Hier hilft es, Ziele schriftlich zu notieren und ihr Erreichen regelmäßig zu überprüfen. (Sport)termine sollten direkt in einen Kalender eingetragen und anschließend auch abgehakt werden. Wer sich mit Gleichgesinnten verabredet, kann sich leichter zum Training aufraffen und pflegt gleichzeitig soziale Kontakte. Mehr Infos zum Thema Motivation finden Sie im Kapitel „Tipps und Tricks".

Die Verhaltensmedizin betrachtet immer den ganzen Menschen und berücksichtigt körperliche, psychische und soziale Aspekte der Beschwerden. Psychotherapeutische Verfahren wie z.B. die kognitive Verhaltenstherapie helfen bei der Bewältigung von psychischen Beeinträchtigungen, wie z.B. Ängsten oder depressiven Verstimmungen. Es handelt sich um eine Form der Psychotherapie, die auf eine Veränderung krankheitsfördernder Denk- und Verhaltensprozesse abzielt. Da Stress die Schmerzen häufig verstärken kann, werden in der Behandlung (Alltags-)Belastungen herausgearbeitet und es wird ein adäquater Umgang mit stressreichen Lebenssituationen erlernt (Stressmanagement).

Durch Methoden der Aufmerksamkeitslenkung können Sie erlernen, wie Sie die Schmerzwahrnehmung aktiv beeinflussen können (Schmerzdefokussierung). Dadurch wird eine deutliche Verbesserung der Lebensfreude und der Konzentrationsfähigkeit erreicht.

Begleitend können Entspannungsverfahren (wie z.B. die Progressive Muskelrelaxation, Biofeedback, Phantasiereisen und Imaginationsübungen) helfen, zur Ruhe zu kommen und wieder besser schlafen zu können. Auch in belastenden Situationen können diese Techniken dabei helfen, ruhiger zu bleiben und die „stressige" Situation gelassener zu überstehen.